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Kolumne

Wie züchtet man Spitzenschüler?

von Inge Schlüter

Die Summe von 125 Millionen Euro wollen Bund und Länder für die Förderung von sogenannten leistungsstarken Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen.
Das Geld soll zum Beispiel für Fortbildungen der Lehrkräfte und für begleitende Bildungsforscher ausgegeben werden. Außerdem sollen die „Pilotschulen“ Leitbilder zur Begabtenförderung ent­wickeln, untereinander Netzwerke bilden und sich über ihre Arbeit austauschen. Heißt das noch mehr Aufgaben für die Lehrkräfte und noch mehr Unterrichtsausfall für die Schüler?
Bei diesem Konzept ist wieder mal die Rede von Binnendifferenzierung, Zusatzangeboten am Nachmittag, früherer Einschulung und Überspringen von Klassenstufen.
…und täglich grüßt das Murmeltier!
Was mir an dem Konzept aufstößt, ist die Tatsache, dass sich der Fokus auch auf Schulanfänger richtet und dass man sich primär auf die Hauptfächer Mathematik, Deutsch und Englisch konzentriert. Damit werden meiner Meinung nach zwei unangenehme Nebenwirkungen unseres Schulsystems unterstützt:
Die leistungsorientierten Erwachsenen fangen bereits bei den Kleinsten an, klassen-, schul- und länderübergreifend zu vergleichen und unsere Heranwachsenden für die auf Leistung und Erfolg getrimmte Wirtschaft zu formen. Somit lernen manche unserer durchaus plietschen Grundschüler früh Leistungsdruck und das lähmende Selbstbild „Ich bin nicht gut genug“ kennen.
Die zweite Nebenwirkung entsteht meines Erachtens durch die Konzentration auf die sogenannten Hauptfächer. Damit unterstützen wir nachhaltig die vorherrschende Klassifizierung: Mathe 1, Kunst 5 = lernstarkes Kind! Mathe 5 und Kunst 1 = lernschwaches Kind! Zwar erkennen gute Lehrkräfte die Vorliebe für den Tuschkasten, aber es wird dem Kind nicht im gleichen Maße Tür und Tor öffnen, wie eine gute Mathematiknote. Dass nach wie vor das Augenmerk auf sogenannte Kernfächer gerichtet ist, zeigt meiner Meinung nach den nicht ernsthaften Willen, der Individualität und den Talenten wirklich Beachtung zu schenken, welche sich in Nebenfächer oder gar im sozialen Verhalten verstecken.
Ich kann mir vorstellen, dass wir viel mehr Spitzenschüler haben als wir denken. Sie werden nur innerhalb des starren und beschränkten Definitionsrasters nie dieses Prädikat erhalten.
Sie haben halt das Pech, dass die Kernfächer nie ihren persönlichen Kern erreichen!

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