Zuckerschnuten trotzen der Krankheit Diabetes Typ 1: Kindern Spaß am Leben vermitteln

Dersau (kf). Im September 2000 erkrankte die erst zweijährige Tochter von Andrea und Thomas Witt aus Dersau an Diabetes Typ1. Eine bisher nicht heilbare Stoffwechselerkrankung, bei der die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das überlebensnotwendige Hormon Insulin produzieren, vom eigenen Immunsystem angegriffen werden. Die Betroffenen müssen ihre Blutzuckerwerte ständig überprüfen und sich ein Leben lang Insulin spritzen. Häufig bricht die Erkrankung während der Pubertät im Alter zwischen zehn und 15 Jahren aus. Im Fall der damals zweijährigen Lara vermutet man eine Virusinfektion als Ursache.
Anstatt als Eltern in eine Schockstarre zu fallen, gründete Andrea Witt als gelernte Arzthelferin schon im November 2000 die Selbsthilfegruppe Zuckerschnuten. Es war wohl eine glückliche Fügung, dass sie beruflich gerade erst in eine Praxis gewechselt hatte, in der der Arzt seine Prüfung zum Diabetologen absolviert hatte und kurz darauf Andreas eigene Tochter erkrankte. Andrea Witt bildete sich zur Diabetesberaterin fort und steckt seitdem, fast 25 Jahre lang, ihre gesamte Energie und Leidenschaft in die Zuckerschnuten Selbsthilfegruppe. Der allgemeinnützige Verein leistet betroffenen jungen Menschen mit Diabetes Typ1 und ihren Familien wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe unter anderem in Form von Freizeitaktivitäten, Ferienfreizeiten, Gesprächskreisen, Behördenhilfe, Schulung und Beratung der erkrankten jungen Menschen, ihren Familien und dem sozialen Umfeld. Es werden wissenschaftliche Veranstaltungen durchgeführt, Sport gefördert und in Sachen Ernährung beraten.
Das Leben mit einer unheilbaren Krankheit, die den Alltag wesentlich bestimmt, ist eine schwere Bürde. Umso wichtiger, dass die jungen Menschen und ihre Familien inklusive Geschwisterkinder auch unbeschwerte Zeiten genießen können und trotz Krankheit Spaß am Leben haben. Das geschieht bei den Zuckerschnuten unter anderem im Hansa-Park Sierksdorf, beim Besuch der Karl-May-Spiele, bei Kanutouren, im Tierpark, beim Fußball-Golf, Disco-Bowling, Motorbootfahren oder Schlittschuhlaufen und vielem mehr. Das wichtigste Event ist aber das jährliche Pfingst-Camp in der Jugendherberge in Plön. An dem 75 Kinder und Jugendliche ab 13 Jahren aus der gesamten Bundesrepublik teilnehmen – und zwar ohne ihre Eltern.
Die damals zweijährige Lara ist heute 27 Jahre alt und gehört zu einem 15 bis 18-köpfigen Team an Jungbetreuern. Sie alle haben selbst Diabetes Typ1. Aus eigener Erfahrung liegt ihnen das Pfingst-Camp am Herzen und so unterstützen sie Andrea Witt bei ihrer so wichtigen Arbeit. Sie werden auf die neuesten Mess- und Pumpentechniken geschult, denn es gibt viele unterschiedliche Systeme. So lernen die Kleinen von den Großen, die Neuen von den „alten Hasen“.
Andrea Witt trägt während des Camps eine sehr große Verantwortung, und das seit 25 Jahren, denn die Kinder schalten die Follower App, bei der ihre Eltern ihre Blutwerte überprüfen und im Notfall Meldung bekommen aus. Kinder wie Eltern sollen losgelöst voneinander ein paar Tage eine unbeschwerte Zeit genießen. Um die nötige Sicherheit zu gewährleisten, werden alle 75 Kinder allein in der Nacht dreimal gemessen, damit möglichst keines in die Unterzuckerung gerät.
Die Camp-Teilnehmer kommen so in die Selbstständigkeit, sind unter Gleichgesinnten und finden mit viel Spaß zu mehr Selbstvertrauen. „Das war das schönste Wochenende meines Lebens“ oder „Hier kann ich sein, wie ich bin“ und „Hätte ich damals nur so ein Camp gehabt, wie viel leichter wäre mein Leben gewesen“, sind nur einige Aussagen, die Andrea Witt sehr häufig hört und die Wichtigkeit ihrer ehrenamtlichen Arbeit, bei der ihr Ehemann Thomas Witt sie mit allem Administrativen unterstützt, betonen. Die Arbeit der beiden 61-Jährigen ist zu 100 Prozent durch Spenden finanziert. „Wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich ständig Camps durchführen“, sagt Andrea Witt. Das ist bisher aber leider noch nicht passiert und so sammelt das Ehepaar das ganze Jahr über Spenden, um das Pfingst-Camp jedes Jahr durchführen zu können. Zuletzt wurden sie durch die Raiba Leezen beim Vereinsprämien-Wettbewerb mit dem Publikumspreis über 1.000 Euro belohnt.
Wer die Arbeit der Zuckerschnuten unterstützen möchte, nimmt Kontakt zu Andrea Witt über E-Mail Andrea-Witt@gmx.de oder über facebook Zuckerschnuten auf. Auch über Einladungen zu möglichen Gruppen-Aktivitäten freut sich der Verein.